Waldrand und Lichtungen
Historisch alter Wald im Waldgebiet Rechter Brok/Michelshorn
Über den Wert von Grenzstrukturen
Waldränder sind ökologisch besonders wertvoll, weil sie als artenreiche Übergangszone zwei völlig verschiedene Lebensräume verbinden – das schattige Waldinnere und das offene, lichtdurchflutete Kulturland. Durch das Zusammentreffen dieser beiden Welten entsteht eine Grenzstruktur, die Waldränder zu echten Hotspots der biologischen Vielfalt macht. Waldränder sind ein eigenes Biotop zwischen Wald und Wiese, zwischen Schatten und Licht.
Was machen Waldränder und Waldlichtungen so wertvoll? Hier wechseln sich Licht und Schatten, Feuchtigkeit und Trockenheit, Kühle und Wärme auf kleinstem Raum ab. Die unterschiedlichen Bedingungen fördern die Vielfalt an Tieren und Pflanzen. In dieser Übergangszone leben Arten des Waldes und des Offenlandes gemeinsam. Sie finden dort Unterschlupf und Nahrung. Ein dicht bewachsener Waldrand fördert aber nicht nur die Artenvielfalt, er hilft auch dem Wald selbst. Er bremst starke Winde ab, leitet sie über die Baumkronen hinweg und schützt das Waldinnere so vor Sturmschäden (Windwurf) und Austrocknung.
Viele Tiere nutzen die Grenzstruktur des Waldrandes als Wanderkorridor und Lebensraum. So zählen Waldränder zu den wichtigsten Lebensräumen und Jagdgebieten für Fledermäuse, da sie eine hohe Insektendichte und optimalen Windschutz bieten. Fledermäuse nutzen Waldränder aber auch als Leitlinien zur Orientierung und fliegen besonders entlang der Ränder, wo sie sich per Echolot orientieren können. Je nach Flugstrategie der jeweiligen Fledermausart werden Waldränder unterschiedlich genutzt. Arten wie die Zwergfledermaus oder die Fransenfledermaus, die auch im Ammerland verbreitet sind, fliegen dicht an der Vegetation entlang und pflücken Insekten direkt von den Blättern oder aus der Luft. Größere Arten wie der Abendsegler jagen knapp oberhalb der Baumkronen oder im weiten Luftraum direkt vor dem Waldrand. Allen ist gemeinsam, dass der Waldrand die entscheidende Leitlinie für die Flugbewegungen ist. Auch Vögel bewegen sich gerne an solchen Grenzstrukturen entlang.
Aber auch Insekten nutzen speziell Waldränder für Revierflüge zur Partnerfindung oder Nahrungssuche. Schmetterlinge wie Waldbrettspiel, Großer Schillerfalter oder Admiral verteidigen teilweise sogar besonders sonnige Stellen gegenüber Eindringlingen und halten hier ihre Hochzeitsflüge ab. Libellen dienen Waldränder dagegen eher als windgeschützte, sonnige und insektenreiche Lebensräume für die Jagd und zur Nahrungsaufnahme. Die zu den Großlibellen zählende Blaugrüne Mosaikjungfer patrouilliert oft in Kopfhöhe an Waldwegen, während die Braune Mosaikjungfer bis in die Dämmerung hinein an schattigen Waldkanten entlang fliegt. Die Gemeine Heidelibelle ist dagegen ein typischer Ansitzjäger auf sonnigen Zweigen oder Brombeersträuchern am Waldsaum.
Damit der Waldrand dieses wichtigen ökologischen Funktionen erfüllen kann, muss er stufenförmig aufgebaut sein und einen fließenden Übergang von der offenen Landschaft in den tiefen Wald bilden. Idealerweise besteht er aus drei Zonen. In der Krautzone am Übergang zur Wiese wachsen Gräser, Blütenpflanzen und Wildkräuter. Typische Arten sind beispielsweise Blutroter Storchschnabel, Fingerhut, Große Sternmiere oder Buschwindröschen. Die Krautzone bietet Nahrung für Insekten und Deckung für Bodenbrüter. Daran schließt sich zur Waldseite hin die Strauchzone an. Hier kommen idealerweise dicht und buschig wachsende, lichtliebende Gehölze wie Haselnuss, Weißdorn, Schlehe, Holunder und Wildrose vor. Sie bieten ebenfalls Deckung und Nahrung und bremsen den Wind ab. An die Strauchzone schließt sich die Waldmantelzone an. Sie bildet den Übergang zu den hohen Bäumen im Waldinneren. Hier stehen kleinere, lichtbedürftige Baumarten wie Hainbuche, Vogelbeere, Wildapfel oder Salweide.
Das nachfolgende Schema zeigt den idealen Aufbau eines ökologisch wertvollen Waldrandes:
Weiterführende Informationen:
BUND Traunstein zu Waldrändern: https://traunstein.bund-naturschutz.de/wald/waldraender
Waldwissen mit umfangreichen Infos zum Waldrand: https://www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/naturschutz/artenschutz/waldrand-lebensraum-voller-ueberraschungen
Waldrand als Biotoptyp: https://www.nlwkn.niedersachsen.de/kartierschluessel-biotoptypen/fotos_der_biotoptypen/1_walder/1-24-strukturreicher-waldrand-wr-38762.html